Die Schwangerschaft - Ein multidimensionaler Raum für emotionale Ent-wicklungen und Potenziale

Die Schwangerschaft ist eine Zeit von körperlichen und psychischen Veränderungen, die ab der Befruchtung des Eis ihren Lauf nehmen. Viele davon, vor allem die körperlichen, sind ganz offensichtlich, gut erforscht und es gibt Listen und Apps, die uns einen Überblick geben und uns aufklären was gerade mit uns und in uns passiert.

 

Gleichzeitig gibt es noch die emotionale Dimension, in der Veränderungen unbewusst ablaufen und teilweise sehr stark an bisherigen Glaubenssätzen rütteln, über die sich die werdende Mutter bislang vielleicht noch wenig Gedanken gemacht bzw. diese angeschaut oder aufgeräumt hat.

Die Schwangerschaft - Zeit der Umbrüche und Neuanfänge

Mit Beginn der Schwangerschaft öffnet sich ein multidimensionaler Emotionen-Raum in dem die Schwangere mit Altem, Aktuellem und Zukünftigem konfrontiert wird. Neben den freudigen und hoffnungsvollen Gefühlen, die nachvollziehbarerweise eine große Bühne bekommen, gibt es oft auch angstvolle oder manchmal seltsam anmutende Gedanken, die eher verdrängt, bzw. nicht so gerne mit dem Umfeld geteilt werden, da sie evtl. Scham- oder Schuldgefühle auslösen können. Nun ist Verdrängung ein Schutzmechanismus unserer Psyche, um uns in unserem inneren Erleben zu stabilisieren. Also erst einmal ein Zeichen einer seelischen Kompetenz, die zu unserem Wohle automatisch in uns abläuft. Zeiten, die von Veränderung und Umbrüchen erfüllt sind, lösen in jedem Menschen Druck, Unbehagen, Sorge oder Angst aus. Je klarer wir uns bewusst sind, welche Gedanken und Gefühle uns da heimsuchen und wovor wir Angst haben, desto besser können wir ihnen zuhören, uns ihnen stellen und sie auch durch empathische Rückmeldungen z.B. von Partner, Freunden und Familie entlasten. Der wirksamste Weg ist immer durch sie hindurch zu gehen.

 Der Zeitraum der Schwangerschaft hat tatsächlich das Potenzial, uns emotional ordentlich durchzurütteln und uns mit unserer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu beschäftigen. Er verlangt von uns und bietet den Raum für grundlegende Ent-wicklungen. Und das alles verbunden mit der Geburt als Stichtag. Da kann ordentlich Druck im Kessel sein.

Welche Dimensionen in uns sind von den Veränderungen im Einzelnen betroffen?

Unser Körper verändert sich und es wächst ein neues Leben in uns. Natürlich ist die Schwangerschaft keine Krankheit. Für den Körper, die Gelenke, die Bänder, die Haut, etc. jedoch stellt sie eine ordentliche Herausforderung dar. Plötzlich werden wir innerlich durch etwas, bzw. jemanden gesteuert, der oder die ganz eigene Bedürfnisse hat, die mit unseren manchmal in Konflikt stehen können. Will ich z.B. schlafen und das Baby turnt in mir herum, war es das mit der Nachtruhe. Die Geburt selbst ist ein grandioser Kraftakt des weiblichen Körpers, der allerdings auch einiges kritisches Potenzial in sich birgt, was die Unversehrtheit des eigenen Körpers betrifft. Narben und körperliche Veränderungen können nach der Geburt bleiben, unter der Geburt kann es zu körperlichen und seelischen Traumatisierungen kommen.

Unsere Rollen innerhalb der Partnerschaft, der Familie und des sozialen Umfelds verändern sich. Die Frau/Partnerin, die ja auch immer ein sexuelles Wesen ist, wird zur Mutter. Als Tochter wird sie nun selbst Mutter, die eigene Mutter zur Großmutter. Die Mutter-Achse hat eine zentrale Bedeutung für die Schwangerschaft. Sie kann Quelle der Unterstützung, Geborgenheit und Entlastung, aber auch Ursprung verborgener Machtkämpfe, Kränkungen und Abwertungen sein. Freundschaften können sich aufgrund dieser Rollenwechsel verändern. Alle Beziehungsgefüge, die vor der Schwangerschaft in vermeintlich sicheren Strukturen funktionierten, können sich grundlegend wandeln, was wiederum innere und äußere Konflikte, bzw. bestehende latente Konflikte an die Oberfläche bringen kann.

Die berufliche Situation muss für beide Partner neu gedacht und verhandelt werden. Welche Karriere erhält den Vorrang? Wer übernimmt die Hauptverantwortung der Betreuung? Wie kann diese Verantwortung vielleicht sogar gleichberechtigt verteilt werden? Wie wohl fühlen sich beide künftigen Elternteile mit der getroffenen Regelung wirklich? Für den aktuellen Moment und in der Zukunft? Welche inneren Vorstellungen haben beide von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf? Welche Modelle kennen die beiden von zuhause? Gibt es hier evtl. Konflikte, wenn sich z.B. ein klassisches Modell (Mutter bleibt zuhause und kümmert sich um Kind und Haushalt, Vater ist alleiniger finanzieller Versorger) und ein modernes Modell (Mutter arbeitet wieder, Kind kommt in die Kita, Eltern teilen sich Haushalt, etc.) in der Beziehung wiederfinden. Wie findet man einen „common ground“?

 

Und bei all den beschriebenen Veränderungen, die sich in Bezug auf den weiblichen Körper, die Rollen im sozialen Umfeld und die Karriere ergeben, ist immer auch unsere Psyche mit an Bord. Neben all den bereits oben genannten Fragestellungen und inneren und äußeren Konflikte können rund um den Gedanken an das Baby und die bevorstehende Mutterschaft auch noch tiefgreifende existenzielle Fragen entstehen, die den Selbstwert der Frau intensiv berühren können:

 

  • Werde ich eine gute Mutter sein?
  • Was ist das eigentlich, eine gute Mutter?
  • Will ich es so machen, wie meine eigene Mutter oder ganz anders? Und wenn ja, warum?
  • Hoffentlich bleibt das Baby! Bzw. wie kann ich es schaffen, dass das Baby bleibt?
  • Ist das Baby gesund? Wenn nicht, was mache ich dann?
  • Ist es mir egal, ob es ein Junge oder Mädchen wird?
  • Welchen Einfluss hat die neue Schwangerschaft auf mein erstes Kind? Kann ich als Mutter beiden gerecht werden?
  • Gehe ich in der Mutterrolle komplett auf oder unter?
  • Begehrt mich mein Partner dann noch?
  • Schaffe ich die Geburt? Halte ich die Schmerzen aus?
  • Werde ich eine postpartale Depression bekommen?
  • und und und...

Auch der werdenden Vater geht durch eine Zeit der Transformation

Natürlich gelten all diese innerpsychischen Fragestellungen und Rollenveränderungen auch in ähnlicher Form für den werdenden Vater.

 

Auch für ihn ist die kommende Vaterschaft eine Zeit der Wandlung und verbunden mit emotionalen Herausforderungen, die sein Selbstbild betreffen.

 

Man sieht also, da ist einiges los rund um die Schwangerschaft. Alles Bestehende wird aufgewirbelt und auf den Prüfstand gestellt.

 

Mit der frohen Kunde über das neue Leben, entsteht in uns selbst, in Bezug auf unseren Körper und in Bezug auf all unsere Beziehungssysteme und Bindungen eine unbewusste sog. Psychodynamik, die so einigen Zündstoff beinhalten kann: Ängste, Druck, Stress, Scham- oder Schuldgefühle, Überforderung, emotionaler Rückzug können die Folge sein. Die gute Nachricht, all das ist bis zu einem gewissen Grad völlig normal. Die noch bessere Nachricht, je bewusster und offener wir mit all diesen Fragestellungen umgehen, desto weniger wird sich der innerpsychische Stress auf uns, unsere Beziehungen und schließlich auf das Baby auswirken. Denn dieses ist ja im Bauch bereits da und hört und fühlt vieles mit.

 

Die Schwangerschaft ist, neben dem Wunder des neuen Lebens, das da entsteht, vor allem eine Zäsur. Nichts wird so bleiben, wie es war. Das bedeutet nicht, dass es schlechter wird, es wird nur ganz anders sein.

 Aus dem Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse

 

Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,

Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Und um mit Hesse zu sprechen, gilt es also, sich diesem Zauber hinzugeben und sich mit Tapferkeit und ohne Trauern, den Herausforderungen zu stellen, die diese neue Stufe in unserem Leben und unserer Identität als Frau mit sich bringt. Dazu gehört auch bewusst Abschied zu nehmen, von dem vielleicht unbeschwerten und selbstbestimmten Leben und einzutreten in den Abschnitt der Mutterschaft und Vaterschaft, der nun von der gemeinsamen Verantwortung für einen kleinen Menschen erfüllt sein wird.

Sich als Paar mit seinen Ängsten auseinanderzusetzen kann die Beziehung stärken und es gemeinsam wachsen lassen

 

Die eigenen innerpsychischen Dynamiken anzunehmen und ihnen in der Partnerschaft einen wertschätzenden Raum zu geben, ist für beide Partner ein wundervoller Weg und für die Entwicklung des Babys äußerst hilfreich. Wenn wir uns und unsere Gefühle als Frau, als Mann, als Eltern gut verstehen, können wir offen und neugierig auf das Baby uns seine ganz eigenen Bedürfnisse eingehen und mit ihm in einen feinfühligen inneren Dialog treten. Das Alte verstellt immer den Blick für das Gegenwärtige. So kann das Baby bereits in der Schwangerschaft mit Konflikten konfrontiert sein und von ihnen unbewusst beeinflusst werden, die die Eltern betreffen und die mit dem Kind eigentlich nichts zu tun haben. Zu viel Stress, Konflikte und Überforderung unterbrechen den authentischen emotionalen Kontakt zum Baby, der bereits in der Schwangerschaft mit dem noch ungeborenen Kind entsteht.

 

 

Das Baby fühlt und hört bereits im Bauch und wird durch die mütterliche Gefühlswelt und die Atmosphäre in der Partnerschaft beeinflusst. Hormone und Neurotransmitter vermitteln dem kleinen Menschen ein emotionales Bild, das sich in seinen kleinen Körper einschreibt. Diese emotionalen Signaturen prägen unser Leben unbewusst von Anfang an.

 

Vom Zeitpunkt der Befruchtung an, hat der kleine Mensch eine zentrale Aufgabe: so gut es geht entwickeln; wachsen, lernen, neugierig sein und die eigene innere Welt und die da draußen entdecken. Je mehr Stress und Druck es spürt, bzw. durch die Nabelschnur (Stresshormone) mitbekommt, desto mehr ist es innerlich beschäftigt, sich selbst zu beruhigen und kann sich weniger auf seine eigentliche Aufgabe konzentrieren.

 

Die Bedürfnisse und emotionale Sicherheit des Babys liebevoll im Blick zu haben, ist eine große Aufgabe

 

Unsere Aufgabe als Eltern ist es, dem Kind seinen Lebensweg emotional freizuräumen, damit es sich in Ruhe entwickeln kann und sich als eigenständiges Wesen lustvoll und freudig in dem Glanz der elterlichen Augen wieder spiegeln kann.

 

Jedes Kind braucht die elterliche Sicherheit und Geborgenheit, damit es durch diesen Rahmen gestützt seine eigenen Erfahrungen machen und so zu einer selbstwirksamen Persönlichkeit heranwachsen kann, die die Stufen in seinem Leben selbst-bewusst und mutig hochklettert.

 

Daher ist die Schwangerschaft in ihrer Multidimensionalität der Möglichkeiten ein ganz besonderer Zeitenraum, in dem der Fokus gleichzeitig auf der Sicherheit für den Körper UND den Emotionen der schwangeren Frau liegen muss, um am Ende dem Baby ein gutes Umfeld für seine ganz persönliche Entwicklung zu bieten.

 

Wenn Sie bereits Mutter oder Vater sind bzw. mitten in der Schwangerschaft stecken und jetzt denken, „Ogott, ich hab‘ bestimmt mein Kind versaut“ seien Sie ganz beruhigt. Die perfekte Schwangerschaft, Mutterschaft oder Vaterschaft gibt es nicht. Irgendwas ist immer und gewisse frühe Frustrationen und Spaltungsprozesse, wie es die Psychologie nennt, gehören zu unserer Entwicklung. Der bewusste Umgang mit unseren Emotionen will allerdings gelernt sein und hier haben ca. 99,99% aller Menschen noch Entwicklungsspielraum in alle Richtungen. Schließlich waren wir alle mal das Baby im Bauch mit unserer zentralen Aufgabe!

 

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